Liebe Werber, ihr geht uns auf den Sack!

Liebe Werber, ihr geht uns auf den Sack!

Wir müssen mal über Werbung reden. Insbesondere über Werbung im Internet, denn die ist kaputt, und zwar richtig. Vorweg. Ich gebe zu, ich nutze einen Adblocker (uOrigin) und ich verdienen einen Teil meines Geldes damit für Produkte im Internet zu werben. Das klingt erst mal schräg, funktioniert für mich momentan aber nicht anders.

Werbung ist allgegenwärtig und wird gebraucht

Schauen wir uns mal um, dann gibt es kaum noch einen Lebensbereich in dem Werbung sowohl in aktiven (z.B. Anzeigen) als auch in passiven Formen (z.B. Markenlabels auf Produkten) nicht präsent ist. Und in gewisser Weise muss das auch so sein, denn Werbung als Instrument der Verkaufsförderung ist essentieller Bestandteil unseres konsumorientierten Wirtschaftssystems.

Wir brauchen also Werbung, damit Produkte verkauft werden, Firmen bestehen und Mitarbeiter bezahlen können, damit diese dann wiederum Produkte von Firmen kaufen, aber zum anderen auch Steuern zahlen damit öffentliche Aufgaben finanziert werden können. Ohne Konsum bricht dieser ganze Kreislauf zusammen. So einfach ist das eigentlich. Aber warum entziehe ich mich jetzt der Online-Werbung?

Zu viele Touchpoints – Zu viel Fläche

Noch vor 25 Jahren waren die Möglichkeiten für Werber relativ überschaubar, und viele Unternehmen beschränken sich auch heute noch auf diese Formen der Werbung. Es gab gedruckte Werbeformate in Zeitungen oder auf Plakaten, TV-Werbung, Radio-Werbung und natürlich Werbung per Post. Und schon da wurde Werbung von vielen als nervig und übergriffig empfunden. Der große Unterschied war, man konnte sich ihr leichter entziehen weil sie keine Möglichkeit hatte meine Interaktion mit dem Medium zu beeinflussen.

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Heute ist das anders. In der digitalen Welt sind viele neue Werbeformate hinzugekommen, und diese können sehr wohl mit uns interagieren und in unsere Handlungen eingreifen. Viele Werbetreibende haben erkannt, dass dies nicht der Königsweg sein kann und haben neue subtiler Formate wie Content Marketing oder Native Advertising entwickelt. Diese Formate haben zwar auch ihre Schattenseiten und fordern uns intellektueller, weil wir uns intensiver mit der Authentizität des Inhalts auseinander setzen müssen. Richtig schlimm sind aber einige Formen von Display Ads. Die springen uns förmlich ins Gesicht, legen sich vor den Content und führen bei schlechter technischer Umsetzung zur Unbenutzbarkeit des eigentlichen Inhalts.

Viele Versuche die Werbung los zu werden

Seit Jahren sind für die gängigen Browser Erweiterungen verfügbar um Werbung auf Webseiten zu unterdrücken. Waren das zu Anfang nur Tools für die Nerds ist deren Verbreitung in den letzten Jahren soweit angestiegen das Webseiten darum bitten müssen diese zu deaktivieren oder sogar härtere Maßnahmen ergreifen.

Den meisten Nutzern wird es da vermutlich ähnlich wie mir gehen. Ich bin mir bewusst, das Werbung der oft wichtigste Bestandteil ist ein Angebot zu finanzieren. Unterdrücken viele die Werbung brechen mit den Umsätzen langfristig auch die Angebot weg. Dennoch bin ich oft bereit das billigend in Kauf zu nehmen? Warum? Weil zu viele Seiten mit Werbung nicht nur hässlich zugepflastert und unbenutzbar sind, sondern ich auch immer das Risiko habe mir durch einen unbedachten Klick bösartige Software einzufangen. Wer mal mit dem Smartphone auf den üblichen Clickbait-Angeboten war, der wird wissen was ich meine.

Sogar im öffentlichen Raum organisieren sich Menschen um der Werbung zu entkommen. Über Kickstarter hat gerade eine Gruppe Menschen erfolgreich Geld gesammelt um in einer Londoner U-Bahn Station alle Werbeflächen durch Katzenbilder zu ersetzen. Mit Erfolg.

Sind AdBlocker die Lösung?

Adblocker sind technisch natürlich ein probates Mittel der Werbung aus dem Weg zu gehen, aber zu Lasten der Anbieter. Nutzt man den populären Ad Block Plus unterstützt man dann auch noch ungewollt ein sehr zweifelhaftes Geschäftsmodell moderner Wegelagerei.

Außerdem sind AdBlocker sind nicht gerade fair. Denn sie untergraben das Geschäftsmodell kleiner und großer Anbieter. Leider sind sie aber aktuell das einzig wirklich brauchbare Mittel. Es braucht also Alternativen.

Ist Paid Content die Alternative?

Die Ersteller von Inhalten müssen für ihre Arbeit fair bezahlt werden. Was läge also näher als Nutzer für die Nutzung der Inhalte bezahlen lassen? Im Prinzip eine gute Idee, aber mit praktischen Hürden. Das Thema der Zahlungsabwicklung ist leider komplex, und steht damit genau im Gegensatz zum Anspruch der Nutzer Inhalte schnell und einfach konsumieren zu können, ohne Accounts für jeden Anbieter zu verwalten und dort sensible Kontodaten zu hinterlegen.

Besser machen es da Angebote wie Blendle, sie sich aber leider auf Print-Produkte beschränken. Die Alternative Flattr hat es leider auch nie wirklich geschafft Mainstream zu werden.

Bleibt den Anbietern eigentlich nur noch die Möglichkeit auf Affiliate-Marketing oder Sponsoring zu setzen. Das passt aber nicht zu jedem Inhalt bzw. jedem Konzept. Wenn ich eine inhaltliche Nische besetze in der es nicht um Produkte geht, welche Chance habe ich da?

Wie bekommt man den Konflikt gelöst?

Halten wir fest:

  • Es geht nicht ohne Werbung
  • Werbung ist zu aufdringlich
  • Das Unterdrücken von Werbung ist unfair
  • Die Systeme um für Inhalte zu zahlen sind nicht komfortabel genug

Das ganze System der Werbung ist, wie ich finde, überdreht. Auf den meisten Seiten ist einfach zu viel Werbung. Jeder noch so kleine Weißraum wird mit Werbung zugepflastert.

Worum ging es noch mal bei Werbung? Wann ist sie erfolgreich? Genau, wenn sie Aufmerksamkeit erzeugt. Und das funktioniert nicht, wenn jede Seite blinkt und leuchtet wie der TimeSquare bei Nacht. Die Wahrnehmungsfähigkeit von Menschen ist begrenzt. Je mehr Werbung ich also in den Inhalt packe, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit das die Werbung überhaupt wahrgenommen wird. Je geringer die Wahrscheinlichkeit desto geringer der potentielle Umsatz mit der Werbung. Nimmt der Nutzer die Werbung dann auch noch als Störfaktor war, verliert er gleich jedes Interesse.

Clean Whiteboard with pens

Im Umkehrschluss bedeutet das, je weniger Werbung den Nutzer stört, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt sie. Ein netter Nebeneffekt ist noch, dass der Content besser zur Geltung kommt, weil ich nicht ständig unterbrochen wird (sofern der Content überhaupt einen Wert hat – Das es auch „ohne Inhalt“ geht, dafür gibt es Seiten wie Buzzfeed).

Fazit

Also liebe Werber (insbesondere für Display-Ads) – Wenn ihr wollt, dass Eure Werbung erfolg hat, dann sorgt dafür dass sie den Nutzern nicht länger auf den Sack geht. Denn wenn ihr Euch nur hinstellt und die Nutzer von AdBlockern als die Spielverderber hinstellt, dann macht Ihr es Euch zu einfach.

Bei dieser Frage gibt es kein klassisches Henne-Ei Problem. Ihr habt die Werbung kaputt gemacht. Besinnt Ihr Euch auf „weniger ist mehr“, dann bekommt sie vielleicht ne zweite Chance.

Auch von mir!

 

2 thoughts on “Liebe Werber, ihr geht uns auf den Sack!

  1. Meine volle Zustimmung. Persönlich hab ich offenbar eine Art Bio-Adblocker und kann die meisten Werbeeinblendungen ignorieren. In letzter Zeit werden sie jedoch teilweise so lästig, dass ich das nicht mehr kann.
    Overlay? Kann weg, der Content kann nicht so interessant sein, dass ich den Tab nicht sofort zumache.
    Gedudel oder Geflacker? Siehe Overlay.

  2. Frank

    100% Zustimmung! Das Problem hinter dem Problem sehe ich darin, dass einfach nicht genug Werbe-Umsatz fließt, wenn weniger Werbung auf der Webseite geschaltet wird – und das führt mich wiederum zu einer Schlussfolgerung, die ich schon lange mit mir rumtrage: Es gibt einfach zu viele Geschäftsmodelle im Internet, die nur oder fast nur von Werbeumsätzen leben, weil sie außer Content GAR KEIN PRODUKT haben.

    Nur Content als Produkt funktioniert aber in vielen Fällen nicht. Google bietet uns eine Suche, Facebook einen Haufen Klatsch und Tratsch (was heutzutage ausreichend ist, um Milliardäre zu erschaffen) und manche Zeitung hat es geschafft on- und offline irgendwie so zu verbinden, dass es am Monatsende reicht.

    Aber der im Moment noch herrschende Glaube, ich kann immer allein von der Werbung auf einer Seite leben, wird sich meines Erachtens in sehr sehr vielen Fällen in ein Häufchen Elend auflösen – das gilt für den kleinen Blogger bis zur Tageszeitung. Für diese Lokalblättchen, die zu 70% aus Werbung bestehen, würde ja auch niemand bezahlen – leider besteht das Internet aus Millionen solcher „Lokalblättchen“ und die meisten werden auf Dauer meiner Meinung nach einfach nicht gebraucht.

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